"Wer Musik verstehen will, muss sie zuerst selber machen." (Leonard Bernstein)




Bereits seit 2008 wird am Gymnasium Raubling eine Streicherklasse für die 5. Jahrgangsstufe angeboten (siehe Bilder). Im letzten Schuljahr (2013/14) wurde dieses erfolgreiche Modell auch für Bläser geöffnet - zu einer gemeinsamen Bläser-Streicher-Musizierklasse.

 

Wichtige Informationen zur Musizierklasse:
 

  • Voraussetzungen: Die allgemeinen Voraussetzungen, die für den Übertritt von der Grundschule ans Gymnasium nötig sind, sowie eine gute körperliche Verfassung befähigen Ihr Kind auch für die Musizierklasse. Notenlesen oder gewisse Vorerfahrungen auf einem Instrument sind willkommen, aber kein "Muss".
  • Die Instrumente: Alle Streichinstrumente können in kindgerechten Größen wie bisher von der Schule geliehen werden. Die Leihgebühr (inkl. Versicherung und Wartung) beträgt 8 Euro pro Monat. (Die Kontrabassisten und ggf. auch die Cellisten erhalten je ein Instrument für zu Hause und für die Schule, um den aufwändigen Transport zu ersparen.) Blasinstrumente (außer Tuba) müssen bitte - nicht zuletzt aus hygienischen Gründen - privat gekauft werden. Hier gibt es aber mittlerweile schon recht günstige Einsteigermodelle.
  • Der Unterricht: Die Musizierklasse der 5. Jahrgangsstufe umfasst 2 Schulstunden pro Woche; sie tritt an die Stelle des "normalen", in der Stundentafel verankerten Musikunterrichts. Je nach Anmeldezahlen und gewählten Instrumenten wird dieser Unterricht hauptsächlich in 2 Gruppen stattfinden - nämlich für Bläser und Streicher getrennt, da das Erlernen dieser beiden Instrumentengruppen zu unterschiedlich ist. Gegebenenfalls werden die Proben von mehreren Musiklehrkräften im Team-Teaching erteilt. WICHTIG: Zur Musizierklasse gehört außerdem ein wöchentlicher bzw. 14-tägiger Instrumentalunterricht am Nachmittag. Dieser kann entweder bei einer Privatlehrkraft stattfinden - oder gerne auch über die Schule vermittelt werden bzw. an der Schule erfolgen. 
  • Kosten: Neben dem oben genannten finanziellen Aufwand für das Instrument werden von den Eltern die Kosten für den zusätzlichen Instrumental-Unterricht getragen. Diese liegen voraussichtlich je nach Instrument und Unterrichtsdauer zwischen 12 und 30 € pro Monat (11 mal im Jahr). Geringfügige weitere Kosten können ggf. für das Notenmaterial anfallen.
  • Dauer des Projektes: Die Musizierklasse ist für die 5. Jahrgangsstufe, also für ein Schuljahr, konzipiert. Anschließend kann Ihr Kind - je nach Befähigung - bald im Vororchester des Gymnasiums mitwirken.

 

Expertenmeinungen zur Musizierklasse:

  • Sir Simon Rattle, Dirigent der Berliner Philharmoniker: "Wenn wir in der Schule Fußballspielen lernen sollten, bekamen wir einen Ball. Und ich hatte einen sehr schrecklichen Kunstlehrer, aber wir konnten malen und zeichnen. Nur in Musik hieß es `setzt euch und hört zu.´ Ich fand immer schon, dass da irgend etwas falsch läuft."
  • Die Musizierklasse ist laut einer Berliner Studie ein ideales Konzept zur Förderung der Persönlichkeitsentwicklung der Schüler, zur Verbesserung sozialer Kompetenzen, zur Steigerung der Lern- und Leistungsmotivation, zur Verbesserung der emotionalen Integration, zur Förderung von musikalischen aber auch anderen schulischen Leistungen und sowie grundsätzlich zur Förderung der Kreativität. (Studie des Musikpädagogen Hans Günther Bastian, Berlin 2000)

 

Die Streicherklasse am Gymnasium Raubling

Die Streicherklasse wurde von Herrn StR Sebastian Schlierf im Schuljahr 2008/09 ins Leben gerufen. Bis heute leitet er diese Klasse im Team Teaching mit einer weiteren Musiklehrkraft (Frau OStRin Barbara Thoma oder Frau OStRin Birgit Köppl). Das Gymnasium Raubling ist damit das erste Gymnasium im Chiemgau, welches ein solches Streicherprojekt verwirklicht hat.
Von Anfang an stand in der Streicherklasse das gemeinsame Musizieren in entspannter Atmosphäre im Mittelpunkt: "Schon in den ersten Musikstunden zupfen die Kinder singend auf ihren Instrumenten eine kleine Melodie und erleben den raumfüllenden Klang von Kontrabass, Cello, Bratsche und Geige mit sichtlichem Staunen. Einige Kinder spielen bereits ein Instrument, andere fangen ganz von vorn an. Alle zusammen bemühen sich in ihrem Klassenorchester um das gemeinsame Klangerlebnis. Es liegt auf der Hand, dass hier neben der musikalischen Ausbildung auch ein Prozess in Gang gesetzt wird, der auf ganz selbstverständliche Art den Zusammenhalt in der Klasse, die Aufmerksamkeit füreinander, die Toleranz und auch die eigene Geduld, das Durchhaltevermögen und die Konzentrationsfähigkeit fördert. Die Erfahrung zeigt schon jetzt die Freude am gemeinsamen Musizieren. Dafür nehmen die Kinder gern manche Mühe in Kauf."

Diese vielen positiven Effekte können natürlich auch auf eine Bläserklasse übertragen werden!



Hintergrundinformationen zur Musizierklasse:




Die Methode der Streicherklasse und ihre bekanntesten Vorreiter:

  • Musik zu lernen, indem man Musik macht, scheint ein überzeugender Weg zur gleichzeitigen Entwicklung von Erleben, Können und Wissen. Warum Taktart oder Tonart wesentlich für den Charakter eines Musikstücks sind, vermittelt sich im Klassenorchester durch das Musikmachen, durch das Erfahren. Auf diese Weise verbinden sich Theorie und Praxis ganz selbstverständlich miteinander und die Musiktheorie verliert ihren abstrakten Charakter. Nach zwei Jahren verfügen die StreicherschülerInnen über sehr gute Grundlagen und setzen erfahrungsgemäß zu einem hohen Prozentsatz den Instrumentalunterricht an einer Musikschule oder im Privatunterricht fort. Inzwischen sind an rund 80 Schulen in Deutschland Streicherklassen eingerichtet worden - mit durchweg sehr guten Erfahrungen. Dem breiten Fachpublikum wurde das Projekt "Streicherklassenunterricht" 1995 auf dem Hamburger Musikschulkongress und 2004 auf der Bundesmusikschulwoche Hannover vorgestellt. "
  • In den 70er Jahren entwickelte der bekannte amerikanische Violinpädagoge Paul Rolland an der University of Illinois im Auftrag der Regierung eine neue Unterrichtsform für einen motivierenden Streicheranfangsunterricht in großen Gruppen. In Europa fand die Methode Rolland vor allem durch seinen früheren Assistenten Prof. Donald L. Miller Verbreitung. 1991 richtete eine Gruppe engagierte Streicherpädagogen nach einer Ausbildung bei Miller Projektklassen ein, um die Methode an der Schule zu erproben. Ziel war es, eine entspannte, möglichst natürliche Form des Streicherunterrichtes zu finden. Aufgrund der prinzipiell gleichen Bauweise der Streichinstrumente, werden die Instrumente auch prinzipiell gleich gespielt, so dass ein Unterricht in großen Gruppen möglich ist. In kleinen Schritten wird von größeren Bewegungen, die aus alltäglichen Bewegungen abgeleitet sind, zu immer feineren hingearbeitet. Dabei werden automatisch die psychomotorischen Fähigkeiten der Kinder mitgeschult. Das wichtigste Prinzip lautet: teach music trough music.
  • Für großes Aufsehen haben in Europa auch die dreitausend Kinder starken Geigerklassen des 1998 im Alter von 99 Jahren verstorbenen japanischen Geigenpädagogen Shinichi Suzuki gesorgt. In Deutschland tauchte die Suzuki- Methode in den 70er Jahren auf. Von 1976-79 gab es einen Modellversuch, in dem 60 Musikschullehrer erprobten, ob sich die Methode auf westeuropäische Verhältnisse übertragen lässt. Suzuki wurde 1898 in Nagoya geboren und obschon sein Vater eine große Geigenfabrik besaß, eignete sich Suzuki das Geigenspiel erst im Alter von 17 Jahren autodidaktisch an. Von 1920 bis 1928 studierte Suzuki bei dem Geiger Karl Klingler in Berlin und wurde dort zu seiner späteren Unterrichtsmethode für einen Unterricht in großen Gruppen angeregt. Zurück in Japan, entwickelte er diese zusammen mit seiner deutschen Frau weiter und verbreitete sie in zahlreichen Kursen, die er bis ins hohe Alter erteilte. Die Kinder sollen von frühster Kindheit an mit Musik leben und durch hören und nachahmen lernen. Suzukis Musikerziehung wird hierzulande oft als Drill verstanden, denn das Gelingen der spektakulären Massenkonzerte hängt von absolut synchroner Bewegung, von Genauigkeit und Folgsamkeit ab. Das Zurücktreten des Einzelnen, oder auch Abtauchen in das große Ganze sind Methode und Ziel, dem wiederum ein tieferer Sinn beigemessen wird. Hier fließen Elemente der japanischen Kultur ein. Daher erschließt sich die Grundhaltung der Methode aus westlicher Sicht nicht ohne Schwierigkeiten und ist vielleicht auch nicht ohne weiteres eins zu eins übertragbar, wenngleich Suzuki Mozart als sein vollkommenes Vorbild sah. Suzukin glaubt, dass Musik wie die Mozarts den Menschen in seiner Ganzheit ergreifen und seine innersten Lebenskräfte freisetzen kann. "Es geht in der Suzuki-Methode nicht primär darum, Instrumentalisten und Spitzenbegabungen zu fördern. Der Begriff Suzuki-Methode meint Lebenserziehung. Vielseitige Geschicklichkeit, Fähigkeiten und Tugenden, wie Tatkraft, Sensibilität, Aufmerksamkeit, Konzentration, Disziplin, Geduld und Fleiß, die im Instrumentalunterricht bereits mit drei Jahren geübt werden können, ..." sollen ausgebildet werden.


(Zitate aus: Silke Kruse: "Shinichi Suzuki: "Ich möchte gute Bürger formen." Erziehungsziele der Suzuki-Methode vor ihrem kulturellen Hintergrund." Neue Musikzeitung nmz, 47. Jahrgang, 1998, S. 45ff)


Die Hofer Studie:
Musische Ausbildung ist der ideale Start in ein erfülltes Leben

Eine musikalische Ausbildung ist für Kinder der ideale Start in ein erfülltes Leben. Diese Erkenntnis ist das Fazit einer wissenschaftlichen Studie, die der international renommierte Hirnforscher Professor Dr. Ernst Pöppel mit dem Musikwissenschaftler Prof. Dr. Dr. Lorenz Welker und seinem Team soeben an der Ludwig-Maximilians-Universität München abgeschlossen hat. In der Untersuchung konnte erstmals nachgewiesen werden, dass das Erlernen eines Instruments und gemeinsames Musizieren beste Voraussetzungen schaffen, damit junge Leute zu geistig und emotional ausgereiften Menschen heranwachsen. Die Studie hat auch gezeigt, dass sich bei Musikschülern das Sozialverhalten deutlich besser entwickelt als bei nicht musizierenden Altersgenossen. Aus den Ergebnissen der Untersuchung lassen sich bislang kaum beachtete Transfer-Effekte ableiten, die nicht nur dem Schul- und Erziehungssystem neue Impulse geben werden, sondern darüber hinaus auch innovative Lösungen für viele gesellschaftliche Probleme anbieten.


Initiator der Studie war das "Kulturunternehmen Hofer Symphoniker", das in einem bundesweit einmaligen Modell seit nunmehr 30 Jahren sein professionelles Orchester mit den angeschlossenen Einrichtungen einer Musikschule, Kunstschule und Suzuki-Akademie verknüpft hat. Die Erfahrungen in diesem musikalischen Biotop, in dem über 1.000 Schüler und Erwachsene von ca. 100 Orchestermusikern und Pädagogen betreut werden, sind außerordentlich positiv. Die Früchte dieser Arbeit zeigen sich aber nicht nur in der erstklassigen musischen Ausbildung der einzelnen Teilnehmer, die selbst bei internationalen Wettbewerben Spitzenplätze belegen, sondern auch in ihren schulischen bzw. beruflichen Leistungen.

Mit überdurchschnittlich guten Berufserfolgen und auffallend vielen Bestnoten an den Gymnasien, Real- und Grundschulen unterscheiden sich die jungen Leute deutlich von gleichaltrigen Nichtmusikern. Die herausragenden Leistungen spiegeln sich zwar vor allem in den musischen Fächern wider, doch überraschenderweise auch im mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht, bei den Sprachen - und sogar im Sport, wo es z.B. ein Gymnasiast, der im Jugend-Symphonieorchester Cello spielt, zum Bundesliga-Ringer gebracht hat.

Wo immer die im - inzwischen vielfach ausgezeichneten - "Hofer Modell" ausgebildeten Musikschüler in Erscheinung treten, überzeugen sie durch ihre hohe musikalische, schulische und berufliche Qualifikation. Doch fast noch verblüffender ist eine ganz andere Erfahrung: Die jungen Musiker und Sänger entwickeln ein auffallend positives Sozialverhalten - erkennbar an dem außergewöhnlich starken Engagement der Schüler für gemeinnützige Ideen. Die musische Erziehung hat offensichtlich zur Folge, dass auch die Fähigkeit für emotionale Erlebnisse, für den Aufbau von Beziehungen und für die Entwicklung von sozialen Werten wie Verantwortung und Solidarität erheblich gefördert wird.

Ein seit 2002 laufendes Experiment mit Perkussionsunterricht an der Hofer Sophien-Grundschule, einem sozialen Brennpunkt mit extrem hohem Anteil an Ausländerkindern und allein erziehenden Eltern, ist wegen der überaus positiven Ergebnisse inzwischen zum Vorzeige-Projekt geworden: Im gemeinsamen Rhythmus der Perkussion stieg das Konzentrationsvermögen der Schüler, das Aggressionspotenzial wurde abgebaut, und die Kinder erlernten soziale Kompetenzen wie Zuverlässigkeit, Fairness und die Fähigkeit zur Integration.

Die jahrelangen Erfahrungen mit dem "Hofer Modell" erschienen den Verantwortlichen wichtig genug, um ihre Beobachtungen und Vermutungen in einer wissenschaftlichen Untersuchung überprüfen zu lassen. Das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst sowie die Oberfrankenstiftung finanzierten die Studie, mit der Professor Dr. Pöppel beauftragt wurde.

Das Forscherteam um Dr. Pöppel setzte sich 18 Monate lang mit den Folgen der intensiven Musikausbildung auf die mentale, emotionale und soziale Kompetenz der Hofer Schüler auseinander. Dabei kamen psychologische Tests und standardisierte Messmethoden ebenso zum Einsatz wie - als bildgebendes Verfahren - die Kernspin-Tomografie, die - bei jeweils unterschiedlichen emotionalen Musik- und Sprachreizen - neue Einblicke in das Gehirn lieferte. Aufgrund der dabei erzielten Ergebnisse ist es zum ersten Mal möglich, wissenschaftlich fundierte Aussagen über die Wirkung einer intensiven Musikausbildung auf die Leistungs- und Persönlichkeitsmerkmale Heranwachsender (Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Intelligenz, Leistungsmotivation, soziale Integration usw.) zu machen.


Textzusammenstellung von Sebastian Schlierf und Birgit Köppl - Gymnasium Raubling - mit freundlicher Unterstützung von Herrn Harald Simon - Gymnasium Dinkelsbühl (www.gymnasium-dinkelsbuehl.de)

 

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