Meine Lieblingsschriftsteller

Eigentlich bin ich eine bodenständige und treue Person, aber bei meinen Lieblingsbüchern bin ich unzuverlässig und schwankend: mal gefällt mir dies, mal jenes. Lese ich das Buch ein Jahr später noch einmal, weiß ich oft nicht mehr so genau, warum mir das eigentlich gefallen oder nicht gefallen hat! Bei Viellesern mit nicht dem allerbesten Gedächtnis kann das schon mal passieren, aber trotzdem verblüfft mich, wie die Beurteilung eines literarischen Werkes von persönlichen Lebensumständen, Biografie, Stimmung und nicht zuletzt auch von der Muße abhängt. Ich könnte meine eigene Biografie auch anhand der wechselnden „Lieblingsschriftsteller“ konzipieren – Karl May, Enid Blyton, Kästner (die Auswahl an Kinder- und Jugendbücher war früher, zumindest für mich sehr begrenzt) bis hin zu Rushdie, Timm, Zeh, Saramago, ....meine vielen Lieblingsschriftsteller eben.

Saramago will ich vorstellen. Das hat mit den jetzigen Lebensumständen zu tun, der Corona-Seuche und der Umgang damit. Saramago hat vor 25 Jahren in seinem Roman „Die Stadt der Blinden“ eine Epedemie beschrieben,- die Isolierung der Erkrankten, deren Umgang untereinander und den der Gesellschaft mit den Isolierten.

Wie ich Saramago entdeckte:
Dass ein Militärputsch von liberalen und linken Offizieren durchgeführt wurde, das war (nicht nur für mich) damals ein Novum. Dass ein Putsch friedlich verlief und einen so floralen, poetischen Namen bekommen hat, - Nelkenrevolution -, das faszinierte mich. Ein friedlicher, nicht von außen gesteuerter Militärputsch war in dieser Zeit unglaublich. (Nur ein Jahr vorher wurde in Chile der sozialistische Präsident Salvador Allende vom faschistischen General Pinochet weggeputscht und in den Tod gezwungen). Daher mein Blick nach Portugal! Mir gefallen auch der wehmütige Charakter der Saudade und die Lieder des Fado – und nicht zuletzt die wunderbaren Azulejos, die Fliesen. Und Lissabon. So kommt man als Leseratte an den Schriftstellern José Saramago und Antonio Lobo Antunes (*1942) nicht vorbei.

Eric Amblier, Der Fall Deltschev

José Saramago (* 1922 in Azinhaga, + 2010 im Exil in Lanzerote), stammt aus einer armen, portugiesischen, analphabetischen Landarbeiterfamilie, die sich seine Schulausbildung nicht lange leisten konnte. Er arbeitete als Maschinenschlosser und technischer Zeichner. Als Autodidakt wird er später Journalist und ab Mitte der 60er Jahre Erzähler, Romancier, Essayist, Lyriker und Dramatiker, hat also in alle Sparten schriftstellerischen Schaffens ausprobiert. Er war überzeugter und unorthodoxer Linker und Mitglied der KP, auch nachdem die faschistische Salazar-Diktatur durch die „Nelkenrevoltion“ 1974 vertrieben war. Als dem linken Flügel zugehörig, hatte er wenig Aussicht auf Anstellung und wurde freier Schriftsteller. 1980 wird er mit seinem sozialkritischen Roman „Hoffnung in Alentejo“ bekannt, 1982 kam der internationale Durchbruch mit „Das Memorial“. Mit seinen weiteren Romanen „Das steinerne Floß“, „Die Belagerung von Lissabon“, „Alle Namen“, „Das Evangelium nach Jesus Christus“ wurde er zum berühmtesten portugiesischen Schriftsteller – und wegen seiner antiklerikalen und politisch unangepassten Haltung auch zum verhasstesten. 1998 erhielt er den Nobelpreis für Literatur – damals noch die wichtigste und nicht von Skandalen behaftete Auszeichnung für Schriftsteller. Da lebt er bereits auf Lanzarote, denn als die Regierung die Nominierung für den Europäischen Kulturpreis für sein „Evangelium“ 1991 aufgrund von Interventionen aus dem Vatikan zurückzieht, ist er empört über den Einfluß, den die Katholische Kirche noch immer auf die Regierung nehmen kann. Bis zuletzt mischt er sich in die Politik ein als streitbarer Gegner von Klerus und Globalisierung.

"Die Stadt der Blinden“, 1995 erschienen und 1997 in deutscher Übersetzung bei Rowohlt (diese Ausgabe findet sich in der Schulbibliothek), später bei Hoffman und Campe und als Taschenbuch bei Atlantik.

Wie aus heiterem Himmel werden immer mehr Menschen einer Stadt blind. Es gibt keine Erklärung für, geschweige denn ein Heilmittel. Man weiß nur, dass die Krankheit hochansteckend ist. Als die Blindheit immer mehr Menschen befällt, stellt die Regierung die Kranken in einem verlassenen Irrenhaus unter Quarantäne. Es werden immer mehr, die Anstalt ist überfüllt, die Verhältnisse untragbar, Flucht unmöglich, Gewalt an der Tagesordnung. Eine Bande erringt die Herrschaft über Lebensmittel und andre Zuteilungen und nützt das brutal aus.
Doch es gibt eine Frau, die sehen kann. Sie hat Blindheit simuliert, um bei ihren Mann bleiben zu können und sie verheimlicht klugerweise auch in der Anstalt, dass sie sehen kann. Sie hilft heimlich, wo sie kann. Schließlich bringt sie den Anführer der Bande um, was einen  Aufruhr auslöst, der damit endet, dass die Anstalt abbrennt. Wer noch kann, flieht in die Stadt, doch dort sind inzwischen ebenfalls alle blind, alles ist verdreckt und Lebensmittel kaum zu finden...Genauso mysteriös, wie sie gekommen ist, verschwindet die Krankheit.

Der Roman ist exzellent geschrieben. Saramago hat einen ganz besonderen Stil, die Erzählperspektive wechselt ständig, Geschichten schieben sich in Geschichten. Dennoch und trotz oftmals langer Sätze ist die Handlung gut zu verstehen. Er verwendet keine Orts- oder Personennamen, sondern schreibt eine Universalgeschichte: jeder und überall ist gemeint. Und, man kann es bei dieser grausigen Geschichte kaum glauben, Saramago hat Humor - oft ist er schwarz!

„Die Stadt der Blinden“ ist verfilmt worden und wurde 2008 in Cannes gezeigt. Den Film kenne ich nicht und ich kann ihn mir nur brutal vorstellen,- das sei er aber nicht, er soll sogar sehr gut sein.

Die Stadt der Blinden“ von 1995 ist der erste Band einer „Trilogie der menschlichen Zustände“, es folgen „Alle Namen“ und „Die Geschichte von einer unbekannten Insel“, beide 1997 erschienen, auf Deutsch jeweils zwei Jahre später bei Rowohlt).

"Alle Namen" José ist um die fünfzig und arbeitet im Zentralen Personenstandsregister seiner Stadt, dort werden Informationen zu Leben und Tod ihrer Bewohner dokumentiert. Privat sammelt er Zeitungsausschnitte über berühmte Persönlichkeiten, wobei er immer wieder unerlaubterweise auf die Akten seiner Behörde zurückgreift. Eines Tages gerät ihm zufällig die Karteikarte einer unbekannten Frau zwischen die Finger. Neugierig geworden, macht er sich auf die Suche nach weiteren Informationen über die Unbekannte und gerät dabei auf gefährliche Abwege. Der kleine, kafkaeske Angestellte erwacht zum Leben und folgt seiner Obsession, verblüfft über seine Abenteuer und sich selbst! Helden und Heilige, alle bekommen sie ihr Fett weg!

„Die Geschichte einer unbekannten Insel“ habe ich bisher nicht gelesen, das liegt sicherlich nicht an Saramago, sondern der fehlenden Muße. Denn alle seine Romane sind umfangreich und brauchen Zeit zum Lesen.

 

"Hoffnung im Alentejo" (1980; erstmals auf Deutsch im Aufbauverlag 1985)

Mit diesem Roman wurde Saramago in Portugal über Nacht bekannt. Er trägt autobiografische Züge, denn er selbst ist als Kind im Milieu der armen Landarbeiter aufgewachsen, welches er in diesem Roman als Ich-Erzähler beschreibt: Anfang des 20. Jahrhunderts ist das Land unter Großgrundbesitzern aufgeteilt und die Tagelöhner fristen ein kümmerliches Dasein. Joao, der Sohn eines Säufers, muss früh die Verantwortung für die Familie übernehmen. Er erfährt Härte und Gewalt, wird als Kommunist inhaftiert und gefoltert. Sein Leidensweg und der seiner Familie wird von der Monarchie über zwei Weltkriege und die gesamte Dauer der Salazar-Diktatur beschrieben,- es ist die Geschichte Portugals im 20. Jahrhundert. Erst mit „Nelkenrevolution“ keimen Hoffnung und neue Perspektiven auf. Großgrundbesitz wird ohne einen einzigen Schuß unter den Landarbeitern aufgeteilt.

Saramago stellt dem Roman ein bemerkenswertes Zitat von Almeida Garrett voran: „Und ich frage die Politökonomen, die Moralisten, ob sie jemals die Zahl der Individuen errechnet haben, die zum Elend verdammt sind, zur ungleichen Arbeit, zum moralischen Verfall, zur Unmündigkeit, zur erschreckenden Unwissenheit...um einen Reichen zu produzieren.“

Das steinerne Floß (1986; erstmals auf Deutsch bei Rowohlt 1990)

Saramago war einer der wenigen Portugiesen, der eine Union mit Spanien wünschte und beharrlich gegen den Beitritt der Länder zur Europäischen Union votierte. Das hat ihm viele Feinde gemacht. Er schrieb mit diesem Roman eine Zukunftsvision über das Zerbrechen Europas. Der Roman hat an Aktualität gewonnen, denn seine Fiktion ist mit dem Austritt Großbritanniens Realität geworden.

Alles beginnt mit einem Riss in einer Felsspalte der Pyrenäen, der trotz Betonmaschinen und anderen hilflosen Maßnahmen damit endet, dass sich die ganze Iberische Halbinsel vom Festland ablöst und auf den Atlantik hinaustreibt. Wissenschaftler haben keine Erklärung, Politiker und Miltärs sind machtlos und das Volk sieht sich in seinen vielen Legenden und Mythen bestärkt.
Die Versorgung bricht zusammen, Chaos bricht aus, seltsame Phänomene werden gesehen. Ein paar Menschen aus Spanien und Portugal reisen zueinander, miteinander und zu sich selbst. Immer neue Geschichten und Bilder werden entwickelt,verwickelt und nur teilweise aufgelöst,- magischer Realismus! Saramagos Gesellschaftssatire kritisiert mit Ironie und Witz die soziale Verantwortungslosigkeit von Politikern und Oberschicht. Surreal und spannend, sprachlich barock verschnörkelt und orientalisch weitschweifig, - das Lesen ist ein Vergnügen!

 

„Die Geschichte der Belagerung von Lissabon“ (1989, Deutsch 1992 bei Rowohlt)

Der Korrektor Silva, intelligent, introvertiert und von Selbstzweifelnd geplagt, soll ein Buch über die Geschichte Lissabons lektorieren. Der Hafer sticht ihn und er ändert das Manuskript, zwar minimal, aber entscheidend. Es geht um die Belagerung von Lissabon durch die Kreuzritter des Zweiten Kreuzzugs von 1147 und das Ende der maurischen Herrschaft. Die Ritter sicherten Alfonso Henrique I die Herrschaft über ganz Portugal, in dem sie ihm Hilfe gewährten. Der Korrektor verändert die Hilfszusage in eine Ablehnung durch ein eingefügtes „no“. Seine Chefin Maria Sara entlässt ihn nicht sondern will, dass er selber ein Buch schreibt, wie es Alfonso trotz des „no“ und ohne Ritter gelingt, die Stadt zu erobern.
Silva wird zum fanatischen Schriftsteller, der eine fantasievolle Geschichte erfindet und es entwickelt sich – sehr vorsichtig und langsam- eine wunderbare Liebesgeschichte zwischen ihm und seiner Auftraggeberin. Das Buch ist Liebesgeschichte und Historienroman in einem.

 „Das Memorial“ (1982) Portugal, Anfang des 18. Jahrhunderts: König João ist immer noch ohne Nachkommen. Er gelobt, in Mafra ein Franziskaner-Kloster zu errichten, größer als der Escorialin Madrid, sollte seine Frau Maria Anna von Österreich einen Sohn bekommen. 1712 wird mit der Planung begonnen, 1730 eingeweiht, - die Fertigstellung des Klosters dauert bis 1755. (Auch ein Baumeister aus Regensburg arbeitete hier). Es sollen über 45.000 Arbeiter und 7000 Soldaten hier gefront haben, über 2000 Arbeiter schinden sich dabei zu Tode.
Balthasar Sieben Sonnen kehrt als Kriegsversehrter zurück, ihm fehlt ein Arm. Er versucht, eine Versehrtenrente zu bekommen und trifft auf Pater Bartolomeu Lourenco, der einen Flugapparat bauen will und ihn als Helfer anstellt. Fliegen sei einfach, man müsse nur darauf achten, den Boden zu verfehlen, meint Douglas Adams, doch Saramagos Geschichte spielt zu Zeiten heftigster Inquisition, Fliegen war Ketzerei und schon deshalb brandgefährlich. Balthasars Gefährtin Blimunda hat die Gabe, in Menschen hineinsehen zu können. Sie sammelt alle Willenskräfte, derer sie habhaft werden kann und die man zum Fliegen braucht. Als die Inquisition dem Pater auf den Fersen ist, wird der "Riesenvogel" erstmals erprobt. Nach kurzem Flug und Bruchlandung wird der Pater verrückt.
Balthasar und Blimunda fliehen nach Mafra, wo mit dem Bau bereits begonnen wurde, Balthasar findet Arbeit und schuftet. Unzählige Geschichten und Ideen umschlingen sich im Roman, Anspielungen und Verweise, Scarlatti und andere Zeitgenossen treten auf auf und verschwinden wieder.... Zum Schluss ist alles in Auflösung. Die Kirche wird nicht rechtzeitig fertig. Baltasar fliegt aus Versehen mit der Flugmaschine davon und Blimunda findet ihn erst nach neun Jahre als Verurteilten bei einem Autodafé wieder. Wie einst ihre Mutter, wird nun ihr Geliebter verbrannt doch Blimunda fängt seine entweichende Seele ein...

Saramago antwortet mit Blimunda und Baltasar Sieben Sonnen auf Unterdrückung und Zwang mit einem Lachen, verspottet die offizielle Geschichtsschreibung, verwebt Wahrheit und Lüge, mischt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. „Eine seltene Heiterkeit des Ernsthaften strahlt sein Roman aus“ stand in einer Rezension.

Das stimmt und „das Memorial“ ist neben der „Stadt der Blinden“ mein Lieblingsbuch von Saramago.

Evelin v. Rochow

Mai 2020

 

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