In einem ersten Block möchte ich Ihnen einige meiner Lieblings-Kriminalromane vorstellen. Gut geschriebene und recherchierte Krimis verschlinge ich immer dann, wenn es nicht um Mord und Totschlag geht, sondern wenn sie mir ein Stück Welt erklären können.

Klassiker

Eric Amblier, Der Fall Deltschev

Dashiell Hammett (1894-1961) oder Eric Ambler (1909-1998) haben diese Art Literatur begründet. Raymond Chandler (1888-1959), ebenfalls ein Klassiker der Kriminalliteratur, kritisiert die damals üblichen whodunit-Krimis, deren Spannung nur darin besteht, einen Täter zu überführen: „Hammett gab den Mord den Leuten zurück, die Grund haben zu morden und nicht nur da sind, eine Leiche zu liefern“, womit er den Unterschied zwischen trivialen Krimis und Kriminalliteratur ziemlich gut benennt.
Immer noch lesenswert ist Hammetts „Malteser Falke“ von 1930 mit Privatdetektiv Sam Spade, einem der ersten Antihelden der Kriminalliteratur. Amblers „Anlass zur Unruhe“ von 1938 beschrieb die Schmugglerwege zwischen Italien und Jugoslawien detailgenau, so dass er zum Berater des britischen Foreign Office avancierte. Chandlers Krimi „Der große Schlaf“ mit dem legendären Privatdetektiv Philip Marlowe von 1939 ist unvergessen, unteranderem weil die Verfilmung von 1946 „Tote schlafen fest“ mit Lauren Bacall und Humphrey Bogart Filmklassiker ist auch heute noch gesendet wird.
Alle drei Autoren sind im Diogenes-Verlag und in vielen Auflagen erschienen, antiquarisch oder neu zu erhalten, und nicht nur die hier genannten Titel sind lesenswert. Allein schon die Umschläge von Tomi Ungerer machen Freude. Hammett, Ambler, Chandler – man kann sich durch ihre gesammelten Werke lesen und wird nicht damit aufhören wollen.

Ambler, Eric: Anlass zur Unruhe, Diogenes Verlag
Ambler, Eric: Topkapi, Diogenes Verlag
Chandler, Raymond: Der große Schlaf, Diogenes Verlag
Hammett, Dashiell: Der Malteser Falke, Diogenes Verlag

Moderne Kriminalliteratur und die weite Welt

Kein heutiger Autor guter Kriminalromane, der sich nicht in irgendeiner Weise auf diese drei Klassiker bezieht.
»Ich halte das Genre (Krimis) für eine weniger ernste, leichtere Form, die neue Leser anlocken kann. Das Genre ist ein Vorwand dafür, die Gesellschaft zu analysieren“, meint der Autor Pepetela, - und das tut er auch.

Pepetela, geboren 1941 in Angola, Studium in Portugal, Exil in Algerien, schloss sich 1969 der Guerilla zur Befreiung Angolas an. Nach der Unabhängigkeit war er Vizeminister für Bildung, seit 1982 ist er Professor für Soziologie an der Universität in Luanda, wo er auch lebt. Er gehört zu den wichtigsten Autoren Angolas. „Jaime Bunda, Geheimagent mit seiner Krimihandlung ist für mich ein Vorwand, um durch Luanda zu streifen und ein neues Thema aufzunehmen, nämlich die Immigration der Menschen aus Westafrika und dem Orient...Sie dominieren viele Handelswege und bringen eine neue Religion zu uns, den Islam, den es vorher in unserem Land nicht gab. Das ist ein neues Element in der Bevölkerung Angolas. Ein anderer Vorteil des Kriminalromans besteht darin, dass er neue Schichten von Lesern erreicht, junge Leute, die daran gewöhnt sind, Actionstorys zu lesen, wie sie sie vom Fernsehen her kennen. Sie interessieren sich nicht sehr für psychologische Romane mit ausufernden Beschreibungen.“

Nicht nur junge Leute, sondern auch ich bin fasziniert von den Streifzügen des Jaime Bunda, dessen Name schon eine herrliche Verballhornung von James Bond ist.
Pepetela : Jaime Bunda – Geheimagent, Unionsverlag 2006, 346 S.

Leonardo Padura (*1955) aus Kuba ist mein derzeitiger Lieblingsautor: „ Der Kriminalroman hat für mich eine große Tugend. Sie besteht darin, dass das Genre ein sehr dankbares ist... Das Genre versetzt einen direkt hinein in die Realität und die Gesellschaft, wo sie am dunkelsten sind. “ Dass es eine literarische Form ist, mit der sich Zensur und Kontrolle umgehen lassen, macht viele Krimis politisch interessant und wichtig. Padura ist in Cuba angesehen und bekommt Staatspreise, trotz der massiven Gesellschaftskritik, die sein Privatdetektiv Mario Conde gnadenlos abgibt und in Havanna aufzeigt. Seine Bücher sind zwar dort schwer zu beziehen, aber dass er großes Ansehen genießt, verdankt sich dem Genre Kriminalliteratur. Oder seinem Charme: im Herbst letzten Jahres gab er eine großartige Lesung im Instituto Cervantes München, der große Saal war überfüllt, obwohl er in Deutschland noch nicht sehr bekannt ist.

Leonardo Padura:
Das Havanna-Quartett (Ein perfektes Leben; Handel der Gefühle; Labyrinth der Masken; Das Meer der Illusionen) ; alle Unionsverlag

Alle seine anderen Werke sind gleichermaßen spannend und empfehlenswert: „Der Mann, der Hunde liebte“ ist dabei mein Favorit. Der Roman führt ins Spanien des Bürgerkriegs, ins Mexiko Frida Kahlos und Diego Riveras, nach Prag 1968 und nach Kuba, den Schauplätzen der Revolutionen und der Desillusionierungen des 20. Jahrhunderts. Die Entwicklung der jungen Sowjetunion bis zur Ermordung Leo Trotzkis wird spannend erzählt, Trotzki und seinem Mörder Rámon Mercader wird gleichermaßen Raum und Aufmerksamkeit geschenkt als Akteure und Opfer der sozialistischen Bewegung. Mörder und Opfer haben viel gemeinsam, nicht nur, dass sie beide Hunde liebten.

Wäre ich Deutschlehrer, würde ich dringend „Adiós Hemingway“ empfehlen: Paduras Privatdetektiv Mario Conde klärt 40 Jahre nach Hemingways Tod einen alten Mordfall auf der Finca des berühmten Schriftstellers auf. Die gut recherchierten Fakten zu Ernest Hemingway, dem Waffennarr, Macho, Stierkämpfer und begnadeten Säufer, der nicht zugfällig Havanna zu seiner Wahlheimat machte, können mit jeder Biographie mithalten. Aber selbst hartnäckigen Lese-und Unterrichtsverweigerern wird mit dem Buch der Nobelpreisträger Hemingway nahe gebracht – spannend von der ersten bis zur letzten Seite und im Unterschied zu manchen „Monotonographien“ ein Lesegenuss! Auch wenn der kubanische Macho Mario Conde seitenweise mit seiner Libido zu kämpfen hat. Junge Leute kennen sich da ebenfalls aus.

Leonardo Padura: „Der Mann der Hunde liebte“ und „Adiós Hemingway“; beide Unionsverlag

Eric Amblier, Der Fall Deltschev

Bei uns bekannter und viel gelesen ist der schwedische Krimiautor Henning Mankell (1945-2015), vielleicht auch, weil er Tatort-Beiträge schrieb und manche seiner Bücher prominent verfilmt wurden. Sein umfangreiches Gesamtwerk ist fast durchgängig empfehlenswert. Auch seine Krimis, wenn man nicht zu zart besaitet ist. Sein cholerischer, eigenbrötlerischer Kommissar Kurt Wallander spürt in vielen Bänden von 1993 bis 2013 meist brutalen Verbrechen nach und der Showdown ist oft in Thrillermanier ebenfalls mehr als nur mörderisch. Mir persönlich sind die psychologisch ausgeklügelten „sanfteren“ schwedischen Krimis von Maj Sjöwall und Per Wahlhöo lieber, aber Mankells letzter WallanderBand hat mich sehr beeindruckt: Wallander ist im Laufe seines langen Lebens als Kunstfigur sehr gealtert. In „Der Feind im Schatten“ (2013) erkrankt Wallander an Alzheimer, ein sehr ungewöhnlicher Abschluss einer Krimiserie. Sein Schöpfer Mankell machte seine Krebserkrankung ebenfalls bekannt und schrieb über seinen eigenen Verfall
Zeitungskolumnen, womit vielen krebskranken Menschen eine Sprache gab.
Mankells zweite Heimat war Afrika: der Roman „ Der Chronist der Winde (2000) wurde auch hier ein Bestseller. Er schrieb über Straßenkinder, in Die rote Antilope (dt. 2001) über einen Buschmannjungen und zahlreiche Kinder- und Jugendbücher, unter anderem: „Das Geheimnis des Feuers“ (1996) und „Der Junge, der im Schnee schlief“ (1998).

Politischer Kriminalroman

Nicht nur in Krisengebieten oder Diktaturen haben bestimmte Kriminalromane diese Funktion, auch bei uns sind sie Spiegel der Gesellschaft und decken mitunter unglaubliche Missstände auf. Das deutsche Gegenstück zu Pepetela oder Padura ist derzeit wohl Wolfgang Schorlau, dessen neuestes (wenn auch nicht bestes) Buch ich ausführlicher vorstellen will.

Nicht nur in Krisengebieten oder Diktaturen haben bestimmte Kriminalromane diese Funktion, auch bei uns sind sie Spiegel der Gesellschaft und decken mitunter unglaubliche Missstände auf. Das deutsche Gegenstück zu Pepetela oder Padura ist derzeit wohl Wolfgang Schorlau, dessen neuestes (wenn auch nicht bestes) Buch ich ausführlicher vorstellen will.

Schorlau, Wolfgang; Caiolo, Claudio: Der freie Hund. Morello ermittelt in Venedig. Kiepenheuer&Witsch. 2. Aufl. 2020, 325 S.

Commissario Morello, genannt „ der freie Hund“ steht in Sizilien auf der Todesliste der Mafia, weil er korrupte Politiker verhaftet hat. Deshalb wird er zu „seinem eigenen Schutz“ nach Venedig versetzt. Er findet diese Stadt entsetzlich: zu laut, zu voll, zu stinkig. Seine neuen Kollegen sind ebenfalls alles andere als begeistert, dass sie ausgerechnet einen Sizilianer als Chef bekommen sollen.

Kaum angekommen, hat er seinen ersten Mordfall: Der junge Anführer einer Bürgerinitiative gegen Kreuzfahrschiffe in Venedig wurde ermordet. Der Fall scheint einfach: Eifersucht und Neid, der Täter: ein Freund und Rivale. Morellos Instinkt widerspricht dem und er führt die Untersuchung weiter. Das Opfer stammt aus einer angesehenen „alten Familie“. „Der freie Hund“ taucht in einen Sumpf von Korruption und Politik und spürt auf, was niemand wahrhaben will: dass auch in Venedig die Mafia präsent ist.

Das Buch ist spannend und bedient zudem alle Klischees, die man von einem Venedig-Krimi erwarten darf: Lokalkolorit mit viel Kunst- und Kultur, Sozialkritik an Massentourismus, Fremdenfeindlichkeit und Klassenunterschieden, einen sympathischen, aufrichtigen, menschenfreundlichen und unbestechlichen Commissario, der zwar nicht Feinschmecker ist wie seine Kollegen bei Donna Leon oder Montalban, - aber auch Morello liefert gute sizilianische Kochrezepte...

Doch es wäre kein Schorlau-Krimi, wenn es nicht um politische Aufklärung ginge, - hier über die Verfilzung von Politik und Mafia in Italien. Die Gespräche Morellos mit seinen Kollegen und Freunden geraten deshalb etwas langwierig und dozierend, doch deren Inhalt ist es wert: die Verflechtung von Politik und Mafia wird von den historischen Gründung des Staates Italien durch Garibaldi bis heute vorgeführt, die Rolle der Politik in diesem Sumpf von Andreotti über Berlusconi bis heute aufgezeigt. Und die Daten und Fakten sind genauso exakt recherchiert wie in seinen neun „Georg-Dengler-Krimis“, mit denen er zum Bestseller-Krimiautor geworden ist. »Der freie Hund – Commissario Morello ermittelt in Venedig« heißt das erste Buch, das Schorlau gemeinsam mit seinem Freund Caiolo geschrieben hat und ist der Auftakt einer neuen Krimireihe. Gefälliger als seine „Dengler-Krimis“ist dieser Band, man spürt den besänftigenden Einfluss Donna Leons.

Wem die Mafia und Italien zu weit weg ist, dem sei Schorlaus Privatermittler Georg Dengler ans Herz gelegt, ein trinkfester Bluesfan mit Hang zum Depressiven: die Dengler-Krimis spielen überwiegend in Deutschland. Auch hier geht es um der wahre Fakten, die Schorlau in fiktive Handlungen verpackt – es geht um die Machenschaften der Treuhandanstalt und den bis heute nicht aufgeklärten Mord an ihrem ersten Präsidenten Rohwedder (Erster Fall), um industrielle Fleischproduktion, Tierschutz und moderne Sklaverei (Siebter Fall), um Rechtsradikalismus und das Oktoberfestattentat (Fünfter Fall), um die Griechenlandkrise und die wahren Gewinner des „Rettungsschirms“ (Neunter Fall). Und besonders wichtig: um den NSU-Komplex in „Die schützende Hand“( Achter Fall). Schorlaus Faktenwissen führte unter anderem dazu, dass er vom NSU-Untersuchungsausschuss des Baden-Württembergischen Landtags als Experte angehört wurde.

Die politischen Kriminalromane Schorlaus sind eher kritische, politische Sachbücher mit beigefügtem, fiktivem Krimiplot, der meist schlüssig und spannend ist. Doch Krimis schreiben können auch andere, manche sogar besser! Schorlaus Stärke ist, dass er vieles aus dem politischen Leben, was man nicht wußte, nur vermutete oder sich nicht erklären konnte, schlüssig darlegt und belegt. Auf seiner homepage hat Wolfgang Schorlau akribisch Quellen und Recherchen zu seinen Kriminalromanen nachvollziehbar veröffentlicht. Wolfgang Schorlau, geb. 1951, lebt in Stuttgart.

Alle Dengler-Krimis und nun auch der „Freie Hund“, einige Werke von Leonardo Padura, Ambler, Chandler und Hammett sind in der Bibliothek des Gymnasiums ausleihbar


Evelin von Rochow

3.5.2020

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