Delia Owens Der Gesang der Flusskrebse, 464 S., 22 €, 8. Aufl. 2019 Hanserblau, ISBN 978-3-446-26419-9


Delia Owens, * 1949 in Georgia, studierte Biologie und Verhaltenswissenschaften, lebte und arbeitete als Zoologin in der Kalahari in Afrika, veröffentliche Sachbücher über Löwen und Hyänen. Sie lebt auf einer Ranch in Idaho, als Kind verlebte sie die Sommerurlaube mit ihren Eltern in North Carolina.


Der Schauplatz ihres Debut-Romans der Schriftstellerin ist nicht Afrika, sondern North Carolina und es geht nicht um wilde Tiere, sondern das verwilderte Mädchen Kya, das allein im Sumpfland aufwächst, nachdem der Vater die Mutter und die Geschwister aus dem Haus geprügelt hatte und selbst irgendwann verschwand. Kya entwickelt sich völlig auf sich allein gestellt vom sechsjährigen Kind zu einer jungen Frau. Die Wildnis gibt ihr Sicherheit und Geborgenheit – und einen Lebensunterhalt, denn sie kann Muscheln und Fische verkaufen. Jumpin, der gute alte Schwarze und ihr (fast) einziger Kontakt zur Außenwelt, kauft sie ihr ab, - oft aus Mitleid.


Tate, der Fischerjunge und Naturliebhaber ist oft in den Sümpfen, bringt ihr Lesen und Schreiben bei und versorgt sie mit Biologiebüchern. Es ist eine zarte, behutsame und langjährige Freundschaft, die Kyas Einsamkeit mildert. Sie zeichnet und beschreibt die Vögel der Marschlandschaft, erst unsystematisch, dann immer methodischer, ein „Meisterwerk an Wissen und Schönheit“ entsteht. Tate bekommt ein Stipendium und verschwindet, um am College Biologie zu studieren und meldet sich lange nicht mehr. Als er es Jahre später tut, kann er Kya dazu überreden, ihre naturwissenschaftlichen Studien zu verlegen. Das Buch wird gedruckt, Fortsetzungen angefordert und sie bekommt ein Autorenhonorar, worauf sie sehr stolz ist...Während dessen ist sie eine junge Frau geworden – als „wilde Schönheit“ Ziel der Begierde der männlichen Dorfjugend. Chase Andrews, ein verlogener Schürzenjäger, gelingt es, Kya zu erobern - und zu betrügen. Seine Leiche wird im Sumpf gefunden, Kya des Mordes angeklagt...

Ach, lesen Sie doch selber weiter...! Urwüchsige Natur, starke Frau, Liebe, Verlassenheit und Verbrechen. Alles ist da, was das (Frauen-?) Leseherz begehrt! Die Kontrahenten um Kya könnten trivialer nicht sein, - der eine lieb, treuherzig, ehrlich und beständig, der andere ein sexuell anziehender, verlogener Windhund, - Standartelemente des Groschenromans also! Und am Schluß wird, wer hätte das gedacht, alles gut, sogar noch besser! Ein Buch wie aus viktorianischen Zeiten – ist hier und heute auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Das kann nachdenklich machen.
Muss es aber nicht unbedingt! Denn, so abschreckend Titel, so erwartbar Handlung und Plot auch sein mögen, geschrieben ist der Roman wunderbar. Die geschickte Verstrickung der Lebens- und Liebesgeschichte einer ganz besonderen und gut gezeichneten Protagonistin mit einer eher banalen Kriminalgeschichte hätte mich noch nicht dazu gebracht, dieses Buch, - ein page-turner mit immerhin 450 Seiten – nicht mehr zur Seite gelegt zu haben!
Die große Qualität liegt in der faszinierenden, respektvollen und liebevollen Beschreibung der Natur, die hier nicht nur Beiwerk, sondern integraler Bestandteil der Geschichte ist. Delia Owen empfindet so und das macht die Flußkrebse zu einem ganz besonderen Buch, das wohl tut.

Evelin von Rochow
Mai 2020

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