Aus aktuellem Anlass möchte ich ein Buch vorstellen, das in mir zwiespältige Gefühle hinterlassen hat – ich weiß nicht, ob ich von einem wirklich guten Buch sprechen will. Es verkauft sich jedenfalls prächtig. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, wenn ich dieses Buch empfehle, - zu banal, zu flach und oberflächlich . Ich tue es trotzdem.

Es geht um Frauen und um ein Frauenhaus, wie der Titel verspricht. Und es geht um die Heilsarmee, eine Organisation, von der ich bisher wenig wusste. Dank dieses Romans habe ich aufgeholt und mich kundig gemacht. Über diese Armee, über Frauenhäuser und über häusliche Gewalt an Frauen (und ein paar % ebenfalls betroffene Männer).

In Zeiten der Corona-Ausgangsbeschränkungen liest man vermehrt von der „häuslichen Gewalt“, - sonderbar benannt, weil es nicht Häuser sind, die Gewalt ausüben, sondern überwiegend Männer an Frauen. Wie das auch ohne Corona aussieht, siehe BKA https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/Lagebilder/Partnerschaftsgewalt/partnerschaftsgewalt_node.html
Kurz zusammengefasst: statistisch gesehen wird in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder ehemaligen Partner getötet (überwiegend sind das deutsche Männer!). Mehr als einmal stündlich wird eine Frau gefährlich verletzt, Dunkelziffer nicht einberechnet. Auch ohne Corona und den Zwang, die Wohnung nicht zu verlassen!!!

Laetitia Colombani: Das Haus der Frauen. Roman, Fischer-Verlag 2020, 254 S.

Laetitia Colombani (*1976 in Bordeaux) ist Filmschauspielerin und Regisseurin. Ihr erster Roman »Der Zopf« stand wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste und wird verfilmt. Für ihren zweiten Roman »Das Haus der Frauen« recherchierte sie im »Palais de la Femme« in Paris, einem Wohnheim für Frauen in Not. »Das Haus der Frauen« ist der erste Roman über Blanche Peyron, die 1926 eines der ersten Frauenhäuser begründete. Laetitia Colombani lebt in Paris.

Covertext: In Paris steht ein Haus, das allen Frauen dieser Welt Zuflucht bietet. Auch der erfolgreichen Anwältin Solène, die nach einem Zusammenbruch ihr Leben in Frage stellt. Im »Haus der Frauen« schreibt sie nun im Auftrag der Bewohnerinnen Briefe, - an die Aus-länderbehörde, den zurückgelassenen Sohn in Guinea, den Geliebten – und erfährt das Glück des Zusammenhalts und die Magie dieses Hauses.

Weil Solène anderen hilft, hat ihr Leben wieder einen Sinn. Doch wer war die Frau, die vor hundert Jahren allen Widerständen zum Trotz diesen Schutzort schuf? Solène beschließt, die Geschichte der Begründerin Blanche Peyron aufzuschreiben.

Es handelt sich also um zwei Geschichten, die der ehrgeizigen Anwältin Solène mit burn-out und die der Blanche Peyron von der Heilsarmee, Günderin des „Palais de la Femme“ in Paris 1926. Solène entdeckt die Freuden des ehrenamtlichen Helfens und das schriftstellerisches Talent, das in ihr schlummert und von ehrgeizigen Eltern unterdrückt worden war. Ihre gescheiterte Beziehung, die Unmöglichkeit zur Fortsetzung ihrer Karriere ist gleichermaßen Thema wie ihre Erlebnisse und Empfindungen im Palast der Frauen. Solène fängt an, die Geschichte der Blanche Peyron zu schreiben und hält sich damit ihre Depression vom Leib. Solène ist eine Romanfigur von vielen und ich muss gestehen, sie interessiert mich nicht besonders. Spannender finde ich die Geschichten und Schicksale der Frauenhausfrauen im „Paris heute“, egal ob frei erfunden oder mit realem Hintergrund.

Was mich wirklich gefesselt hat, sind die recherchierten Kapitel über das Paris der 20er Jahre. Die Geschichte der Blanche Peyron und ihres Mannes Albin. Es ist eine herrliche Liebes- und Ehegeschichte, die Geschichte einer emanzipierten Frau mit Kraft und Stärke und die Geschichte eines wahnwitzigen Großprojekts, das 1926 realisiert werden konnte und bis heute mustergültig ist. Blanche und ihr Mann haben die Heilsarmee in Paris aufgebaut und man streift mit ihnen durch die Straßen, Seife, Suppe, Seelenheil spendend. Sie sammeln unermüdlich Geld für das „Palais de la Femme“ und ziehen, allen Widrigkeiten zum Trotz, das Unternehmen durch.

Ich hätte gern mehr über die Heilsarmee erfahren, über den Frauenpalast, der bald hundertjähriges Jubiläum feiern kann, über seine Entwicklung über die Jahrzehnte und auch über Blanche Peyron. Dieser interessanten Frau und ihrem Wirken hätte mehr Platz gebührt. Was ist schon Solène dagegen – als Biografin hätte sie sich selbst mehr zurücknehmen sollen, meiner Meinung nach.

Ich habe daher selber recherchiert, über die Peyrons, die Heilsarmee und über das „Frauenhaus“. Das hätte ich ohne diesen Roman nie getan und dafür gebührt der Autorin Dank. Nicht, dass ich dem methodistischen und militärischen Charakter der Heilsarmee etwas abgewinnen könnte – was mich fasziniert ist, wie früh in dieser „Armee“ die Frauenemanzipation praktiziert wurde, was für soziale Leistungen diese Männer und Frauen vollbracht haben, oft nur „ Seife und Suppe“ ausgaben und ihre Botschaft hintan stellten.
Empfehlen möchte ich, sich den „Palais de la Femme“ selbst anzusehen, sei es in Paris oder auf der Website: www.armeedusalut.fr/etablissements/pdf. Das ist beeindruckend. Wer kennt das Frauenhaus in Rosenheim? Wer kennt ein vergleichbares Haus in Deutschland?

Die Geschichte des „Palais de la Femme“ in Paris und seiner Gründerin Blanche ist spannend. Ich kann den Roman von L. Colombani doch empfehlen, denn sonst habe ich nirgends einen Roman über Blanche Peyron Frau gefunden: In 28 Kapiteln und auf 254 Seiten werden die Geschichten parallel zueinander erzählt. Es ist angenehm, leicht und schnell zu lesen, nicht zuletzt, weil die Kapitelüberschriften Orientierung geben.

Evelin v. Rochow
April 2020

Zum Seitenanfang