Die Welt des Cyrano de Bergerac

„Schurk, hab ich dir nicht untersagt zu spielen?“ tonlos und leer verliert sich dieser eigentlich ausdrucksstarke Satz im Aufenthaltsraum über der Mensa. Es ist 13.45 Uhr an einem trüben, regnerischen Herbsttag. Zu dieser Zeit ist noch alles entspannt. In Gedanken macht man sich über das Alter des Stückes und seine fremden Mitspieler lustig; Frau Bartenstein liest damals die Nebenrolle des Gardisten, der mit dem Blumenmädchen (von Herrn Nonninger gesprochen) flirtet. Von einem richtigen Theaterstück sind wir noch weit entfernt. Das erste Halbjahr lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: TEXT KÜRZEN. Allmählich begann neben Leuten und Enthusiasmus auch die Zeit zu fehlen. Selbst als die Rollen standen, blieben sie nur bedeutungslose Charaktere auf farblosem Papier. Da kam der Workshop in Prien gerade recht. Zwar arbeiteten wir nicht an unserem eigenen Stück, sondern stattdessen an „Orest“ (ein Werk, das Cyrano de Bergerac an Alter weit übertrifft), doch das war der Zeitpunkt, an dem das Eis langsam zu brechen schien. Text stand hier endlich an letzter Stelle. Ausdruck beim Spielen war das, was zählte, aktive Rollenarbeit. Man war gezwungen, die Gefühle völlig unbekannter Personen in sich eindringen zu lassen, auch seine Mitspieler wahrzunehmen. An dem Tag waren wir alle gleich, Schüler wie Lehrer.

Es folgte Pullach, was uns noch mehr zusammenschweißte. Der alte Rittersaal ließ uns die Zeit, in der Cyrano geschrieben wurde, hautnah erleben. Wir Jugendlichen fanden näher zu dem alten Stoff, aber auch das Stück selbst wurde immer mehr zu unserer eigenen Geschichte. Worte waren nicht länger farblos. Sie malten Bilder, die von sonnigem Gelb über hoffnungsvollem Grün zu schwarzer Trauer und kalter Verzweiflung wurden. Genauso vielseitig liefen auch die Proben ab. Mal lachten wir ununterbrochen über Versprecher, den Text selbst oder anderes, mal erfasste uns wieder Mutlosigkeit.

Die Zeit rann dahin. Vor der Aufführung führte jeder von uns ein Doppelleben. Vormittags Schüler im Unterricht, nachmittags starke Persönlichkeiten des 17. Jahrhunderts auf der Bühne. „Euer Privatleben könnt ihr vergessen!“ - Das hatte Herr Nonninger nicht umsonst gesagt. Am 9. und 15. Mai durften wir dann schließlich ein ganzes Publikum in die sonderbare, emotionale Welt des Cyrano von Bergerac entführen.

Inzwischen ist der Vorhang längst gefallen. Nicht nur Christian und Cyrano sind mit letzter Ehre scheinbar auf der Bühne gestorben, aber durch uns leben sie weiter, denn dieses Stück ist zu einem Teil von uns geworden.

 

Müller Celina, 9f

 

 

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